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    Neuerungen im Fernsprechleitungsbau - 1927

    Bericht aus dem Polytechnische Journal 1927, Band 342 (S. 111–113)

    1. Die Verkabelung der Ortnetze. 

    Vor aller Augen und doch ganz unbeachtet vollzieht sich in den Großstädten ein Umbau der Fernsprechnetze. Die Massen von Fernsprechdrähten, die noch vor einem Jahrzehnt den Himmel des Großstädters verfinsterten, sind in Berlin bereits verschwunden, die schweren Dachgestänge sind abgebaut und die früher fast täglichen Besuche des Telegraphenarbeiters auf dem Dachboden haben aufgehört: So ist eine fühlbare Entlastung des Hauses eingetreten.


    Der Grund für diese Maßnahme ist weniger in der Menschenfreundlichkeit der Deutschen Reichspost zu suchen, als in der Unmöglichkeit, die immer wachsende Zahl von Drähten noch auf den Dächern unterzubringen. Betrug doch allein das Drahtgewicht der Anschlussleitungen eines mittleren Berliner Fernsprechamts mit 5.000 Anschlüssen, also 10.000 Drähten, für die ersten 100 Meter vom Amt ab schon über 17.000 Kilogramm. Dazu kam noch mehr als das doppelte Gewicht an Isolatoren und Dachgestängen, ferner Winddruck und im Winter Schneelast und Raureif. So große Lasten trägt kein Berliner Dachstuhl. Auch der Raumbedarf der Gestänge führt zu unmöglichen Zahlen, da bei Verteilung dieser Leitungen auf 20 Querträger (also 7 Meter Gestängehöhe über dem Dach) jeder Querträger über 70 Meter lang werden müsste, wobei durch die Drähte eine Himmelsfläche von 1.500 Quadratmeter verdunkelt und eine ebenso große Segelfläche dem Angriff des Sturmwindes ausgesetzt worden wäre.


    So musste also die Reichspost andere Wege zur Unterbringung der Anschlussleitungen suchen: sie fand sie in der Anwendung unterirdischer Kabel, der sogenannten Verkabelung der Netze. Die mit Gummi oder Guttapercha isolierten Kabel, wie sie seit Siemens Zeiten für Telegraphenzwecke verwendet werden, waren freilich für Fernsprecherei nicht brauchbar, weil die Gummihüllen zu viel Strom verschluckten: Da wurde das „Luftpapierkabel“ erfunden, bei dem jeder Draht lose in einer aus Papier gewickelten oder gefalteten Röhre liegt und fast ringsherum von Luft umgeben ist. Immer bessere Faltungsarten wurden erfunden, so dass man schließlich 500 bis 700 Aderpaare, also 1.000 bis 1.400 Drähte in einem Kabel von 8,4 Zentimeter Dicke unterbrachte und jetzt sogar tausendpaarige Kabel bauen will. Die guten Sprecheigenschaften des Kabels beruhen darauf, daß das die Drähte umgebende vollkommen trockene Papier sich fast so wie Luft verhält: es kommt nun nur darauf an, dauernd jede Spur von Feuchtigkeit fern zu halten. Dies ist durch Umpressen des Kabels mit einem nahtlosen und völlig wasserdichten Bleimantel von 1,5 bis 3 Millimeter Stärke gelungen, der nach anfänglich üblen Erfahrungen jetzt durch einen Zinnzusatz haltbar gemacht worden ist. So ist das Bleikabel oder Röhrenkabel entstanden. Gegen mechanische Angriffe leistet allerdings die dünne Bleischicht nicht viel Widerstand und verträgt weder Knicke noch unsanfte Berührung mit Spaten und Kreuzhacke: das kleinste Loch des Bleimantels hat bei den unterirdisch verlegten Kabeln unweigerlich ein „Ersaufen“ des Kabels und damit seine völlige Unbrauchbarkeit zur Folge. Man schützt daher die Bleikabel dort, wo sie frei in der Erde verlegt werden sollen, durch eine Bewehrung, meist einer Bandeisenumwicklung mit Jutepolsterung, und nennt sie „Erdkabel“.


    In den Großstädten, wo oft in einer Straße eine große Anzahl solcher Kabel unterzubringen ist, verlegt man die blanken Röhrenkabel in Kabelkanäle, die unter den Bürgersteigen aus Zementsteinen, an Straßenkreuzungen aus Eisenröhren hergestellt sind. Die gebräuchlichsten Kabelsteine haben 4 röhrenförmige Öffnungen von je 10 Zentimeter Durchmesser, stellen also gleichzeitig 4 Einzelkanäle für je ein Kabel her. Durch Übereinander- oder Nebeneinanderpacken solcher Steine baut man in den Hauptstraßen Kanalbündel von 24 und mehr Öffnungen. In diese Kanäle ziehen die Bautrupps die blanken Bleikabel mit Motorwinden von Kabelbrunnen aus ein, wobei sie große Sorgfalt und Kunstfertigkeit darauf verwenden, jede Verletzung des Bleimantels zu verhindern. So können jetzt unter einem Bürgersteig bequem und ohne jede dauernde Beeinträchtigung des Verkehrs zehntausende von Anschlussleitungen untergebracht werden.


    Die großen Verteilungskabel verzweigen sich in den Großstädten weiter durch fingerstarke unterirdische Verteilungskabel in die Häuser, wo sie in Endverzweiger auslaufen, die an den Hofseiten der Häuser oder in den Treppenhäusern angebracht sind, Topfform haben und meist für 5 oder 10 Anschlüsse eingerichtet sind. Von ihnen aus führt zu jedem Fernsprechanschluss im Hause ein besonders dünnes zweiadriges Bleikabel. Eine solche rein unterirdische Verteilung lohnt sich aber nur dort, wo fast in jedem Haus mehrere Fernsprechanschlüsse sind. In unseren Mittel- und Kleinstädten ist dies noch nicht der Fall. Daher finden wir dort eine gemischte Verteilung, indem wohl die Hauptverteilung vom Amt aus zu den verschiedenen Stadtvierteln durch vielpaarige Kabel bewirkt wird, die weitere Einzelverteilung aber von Kabelaufführungspunkten aus noch oberirdisch durch Freileitungen über die Dächer erfolgt.


    Ein wichtiger Vorteil der unterirdischen Verteilung ist die sichere Lage der Leitungen, die verhindert, dass der Fernsprecher bei jedem schweren Sturm für ganze Stadtviertel gestört wird. Aber auch gegen eine andere Witterungserscheinung ist der Fernsprecher jetzt gesichert: Das Gewitter, das früher zum Ausschalten der Leitungen zwang, hat jetzt an den unterirdischen Kabelleitungen keinen Angriffspunkt mehr, so dass vielfach sogar während des Gewitters gesprochen werden kann. Die verhältnismäßig geringen Knallgeräusche, die jeder Blitz jetzt noch erzeugt, kommen hauptsächlich von der Gewittereinwirkung auf die in den Höfen an den äußeren Hauswänden hoch geführten Enden der Anschlussleitungen: sie verringern sich bedeutend in solchen Häusern, in denen vorausschauende Bauherren und Baumeister aufsteigende Kabelkanäle oder Isolierrohre in den Treppenhäusern für die Zuleitungen in die Wohnungen haben aussparen lassen. Diese Rohranlagen, für die jedes Telegraphenbauamt bereitwilligst die nötigen Abmessungen angibt, ersparen zugleich auch alle Außenarbeiten an den Wänden und beschleunigen und verbilligen die Anlegung der Anschlüsse. Es kann daher dringend empfohlen werden, beim Bau von großstädtischen Mietshäusern immer solche Rohranlagen herstellen zu lassen.


    2. Der Luftkabelbau.

    Die immer mehr zunehmende Ausbreitung des Fernsprechers ließ in mittleren und kleineren Städten, ja selbst stellenweise auf dem Lande, große Schwierigkeiten bei der Unterbringung der zahlreichen Anschlussleitungen auf den Gestängen entstehen. Vielfach mussten längs einer Straße 30 bis 60 Anschlussleitungen untergebracht werden, so dass schwere Gestänge entstanden, die als Dachgestänge nur von gut gebauten Häusern getragen werden konnten, als Bodengestänge aber durch die notwendige schwere Ausführung viel Raum in den Straßen wegnahmen und starke Ausästungen der Straßenbäume erforderten. In ihren Drähten blieben die herabfallenden Zweige leicht hängen und verursachten Kurzschlüsse, ferner brachen in jedem Winter durch Raureif und Schneelast einzelne solcher schwer belasteten Gestänge zusammen. Das gab dann Massenstörungen, die oft mehrere Tage lang jeden Verkehr lahmlegten.


    In den Ortschaften hatte man die schweren oberirdischen Linien durch unterirdische Kabel ersetzt: Es lag nahe, das gleiche Mittel auch zur Entlastung der ländlichen Anschlussgestänge zu versuchen. Indessen zeigte es sich, dass der Fernsprecher auf dem Lande noch zu sehr in der Entwicklung begriffen ist: Wo heute ein Gestänge mit 40 Leitungen war, können in 3 Jahren vielleicht 50, vielleicht aber auch 100 bis 200 Leitungen nötig sein. Andererseits ist zurzeit im Zusammenhang mit der Einführung des Selbstanschlussbetriebes eine Neuordnung der Fernsprechnetze im Gange, durch die vielfach mehrere kleinere ländliche Vermittlungen zu einer größeren zusammengefasst werden: So kann es auch umgekehrt zu einer Verminderung der auf irgendeiner Straße notwendigen Leitungszahl kommen.


    Bei so unsicheren Zukunftsaussichten ist es meist nicht wirtschaftlich, nach dem Muster der Großstadt unterirdische Kabel zu verlegen, weil Veränderungen an den in den Kunststraßen verlegten Erdkabeln durch die Erdarbeiten sehr teuer werden. Man versuchte daher, die Vorteile des Kabels mit den Vorteilen der Freileitung zu vereinigen und hängte dünne bleiummantelte Kabel von 10 bis 100 Aderpaaren, also 2 bis 4 Zentimeter Dicke, mit einem stählernen Trageseil an gewöhnlichen Fernsprechgestängen auf. Versuchsbauten dieser Art, die schon eine Reihe von Jahren im Betriebe waren, hatten sich im Allgemeinen bewährt. Auch im Kriege hatten einzelne Fernsprechabteilungen in den Kriegsunterkünften höherer Stäbe solche viel paarigen Luftkabel mit Nutzen angewendet und stellenweise bei Quartierwechsel sogar mehrfach abgebaut und wieder neu eingebaut. Da auch im Ausland, besonders in Schweden und Amerika, diese Bauart zunahm, führte das Reichspostministerium durch die im Jahre 1921 erschienene „Telegraphenbauordnung“ das Luftkabel als planmäßige Bauform ein.


    Schwer war es allerdings, das anfängliche Misstrauen der für die Leitungsinstandhaltung verantwortlichen Stellen der Verwaltung gegen die neue Bauart zu überwinden, zumal tatsächlich auf solchen Linien, wo noch Bleimäntel ohne den zähigkeitserhöhenden Zinnzusatz eingebaut waren, einzelne Kabelbrüche vorkamen. Doch bald wurde diese Fehlerquelle verstopft, und es wurden auch noch andere Verbesserungen eingeführt, die in der neuen „Luftkabelbauvorschrift“ von 1925 zusammengefasst sind. Für die Fernsprechteilnehmer brachte der Ersatz der blanken Leitungen durch Luftkabel eine große Verbesserung der Verständigung. Namentlich verringerte der schützende Bleimantel in Verbindung mit der unveränderlich genauen Anordnung der Einzeldrähte zueinander die Induktionsstörungen von benachbarten Starkstrom- und Telegraphenleitungen sehr, schränkte auch das lästige Mitsprechen anderer Leitungen stark ein.


    Einen mächtigen Antrieb erhielt das neue Bauverfahren dann noch durch das Vordringen des Selbstanschlussbetriebes. Bei dieser Betriebsart werden die Verbindungen vom Teilnehmer selbst mit dem bekannten Nummernschalter  hergestellt, indem diese bei ihrer Rückdrehung Stromstöße zum Amt sendet; diese Stromstöße setzen die Wähler auf dem Amt so in Bewegung, dass diese auf die gewünschte Nummer rücken. Ganz ähnliche Stromstöße kommen aber in die Leitungen, wenn draußen an der Straße ein Draht der Freileitung durch den Wind gegen einen Nachbardraht geschlagen wird. Geschieht dies während des Wählens, so rückt der Wähler eine Nummer zu weit, und der Teilnehmer erhält statt der gewünschten Nummer 331 vielleicht die Nummer 431, mit der ihm wenig gedient ist. Geschieht die Drahtberührung aber, nachdem die Verbindung bereits hergestellt ist, so wirkt sie ebenso, wie wenn der Teilnehmer aufgelegt hätte: die Wähler trennen die Verbindung. Beides ist gleich unangenehm und führt zu Beschwerden der Teilnehmer, kann auch, wenn es öfter vorkommt, den ganzen Verkehr lahmlegen. Daher mussten die blanken Leitungen für den Selbstanschlussbetrieb durch Verdoppelung der Drahtabstände gänzlich umgebaut werden, so dass jeder Querträger nur noch halb so viele Leitungen tragen konnte wie früher. Nun war man vielfach in großer Verlegenheit, wenn das Gestänge nicht zur Verdoppelung der Querträgerzahl ausreichte.


    Hier trat helfend das Luftkabel ein. Es schließt solche Drahtberührungen aus, wird von darauf fallenden Baumzweigen und Raureif kaum gefährdet, belastet das Gestänge weniger und ist überhaupt kleineren Störungen viel weniger ausgesetzt als eine blanke Leitung. Außerdem ist es schnell an jedem gut gebauten Fernsprechgestänge verlegbar und wird bei größeren Drahtzahlen sogar billiger als blanke Leitungen. Die Luftkabelverwendung hat daher im letzten Jahre außerordentlich zugenommen: in jedem Baubezirk sieht man die neuen Luftkabel, ganz besonders dort, wo der Übergang zum Selbstanschlussbetrieb bevorsteht.
    Meist werden vorhandene Gestänge so umgebaut, dass die daran geführten Anschlussfreileitungen durch ein Luftkabel ersetzt werden oder so, dass am Gestänge unter den Freileitungen noch ein oder mehrere Luftkabel aufgehängt werden. Stellenweise werden aber auch neue Gestänge für Luftkabel errichtet.


    Die Anbringung des Luftkabels wird durch das Auslegen des Trageseiles eingeleitet, für das je nach Spannweite und Luftkabelgewicht drei Sorten von Stahlseilen in Stärke von 7 bis 10 Millimeter zur Auswahl stehen. Es wird an den Stangen sehr sorgfältig mit Seilschellen und Bolzen, an Querträgern mit Hakenschrauben aufgehängt. Sein Durchhang wird erheblich größer gemacht als der Durchhang von Eisen- und Bronzedrähten. Dann erst wird das eigentliche Luftkabel mit Haken alle 50 bis 75 Zentimeter am Tragseil so aufgehakt, dass es überall locker hängt, damit die mechanische Beanspruchung überall allein vom Trageseil aufgenommen wird. Namentlich an Fest- und Winkelpunkten muss das Kabel ganz lose in leichtem Bogen hängen und darf nirgends die Stangen berühren oder sich gar an ihnen scheuern können. Zu den schwierigsten Stücken des ganzen Luftkabelbaues gehörten die Tragehaken, mit denen das Kabel aufgehängt ist. Sie haben sehr eingehende Versuche nötig gemacht, da anfänglich der dünne Bleimantel des Kabels zu oft an den Aufhängestellen brach. Die Tragevorrichtungen werden jetzt zweiteilig hergestellt; für den das Kabel berührenden Teil haben sich breite Bänder aus weichem verbleitem Kupferblech, die das Kabel fest umschließen, als die zweckmäßigste Form bewährt, während diese mit Ösen versehenen Bänder an die Tragseile durch kräftige Doppelhaken aus Bronzedraht angehängt werden.


    So ist durch das Luftkabel eine gänzlich neue Bauart von Fernsprechleitungen entstanden. Es wurde dadurch die Unterbringung von viel mehr Leitungen an einem Gestänge ermöglicht.



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    Zeitraum  1927
    Land:  D

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